Project Glass: Warum mir diese Zukunftsvision Angst bereitet – Ein Kommentar

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Die Zukunft ist der Abschnitt der Zeit, für den am meisten Hirnkapazität aufgewendet wird. Wann kommt der nächste Zug? Wann hab ich einen Termin? Werd ich rechtzeitig aufs Klo kommen, bevors in die Hose geht? Fragen des Alltags, Fragen an die Zukunft. Oder grundsätzlicher: Was werde ich in 10 Jahren machen? Werde ich heiraten? Kinder haben? Oder werde ich früh sterben? Werde ich berühmt? Und kann ich ein bisschen dabei mithelfen, die Welt zu verändern?

Auch Mitarbeiter von Google scheinen sich einige Gedanken gemacht zu haben. Und ihre Zukunft heißt “Project Glass”. Eine Brille, die unser Leben einer neuen Realität einverleibt, der “Augmented Realtity”. Über alles was wir sehen wird quasi ein Layer gelegt, der zusätzliche Informationen enthält. Aber das dürft ihr gleich mal selbst sehen.

Die Frage die mich interessiert: Wie sieht die Zukunft aus, wenn diese Brille (und ähnliche Erfindungen oder Ideen) Realität werden. Science Fiction

Was ist das überhaupt? Die meisten Menschen werden den Begriff wohl mit Monstern, Laserschwertern, Raumschiffen und Star Wars oder StarTrek vernetzt haben. Aber auch Bücher wie 1984 oder Fahrenheit 451 sind den meisten Menschen ein Begriff – nur eben nicht mit dem Begriff Science Fiction vernetzt.

Sie sind aber genau das: Wissenschafts-Fiktion. Und dazu noch: Social Fiction. Orwell, Bradbury oder auch Huxley zeichnen ein Zukunftsszenario, das uns blühen könnte, wenn unsere Welt in dem einen Universum liegt, in dem der Lauf der Dinge eben genauso läuft. Oder ernsthafter: Sie bieten Möglichkeiten auf, wie sich die Wissenschaft und die Gesellschaft verändern könnten, aber besser nicht sollten. Horrorszenarien anhand von begründeten Theorien, deren Lektüre uns darauf aufmerksam machen soll, ein solches Szenario nicht zuzulassen.

Google’s Project Glass

Just am 1. April überraschte Google uns alle mit diesem Video:

Aprilscherz? Nö. Wenn überhaupt, dann war der Scherz dahinter, dass dieser offensichtliche Scherz kein Scherz ist. Comprende? Si? Gut, dann weiter:

Google arbeitet tatsächlich an einem solchen Projekt, einer Brille also, die unsere Realität erweitert (engl. to augment: erweitern). Wettervorhersagen wenn wir in den Himmel schauen, automatische Erinnerung nach Sprachangabbe, Instant Messaging immer und überall, Location Sharing mit Freunden, Videotelefonie.

Ein solches Leben wirkt einfach… cool!

Mein erster Eindruck: Oh. Mein. FSM. Will haaaaben! Mein zweiter: Oh. Mein. FSM. Hast du denn nicht aufgepasst als Onkel Orwell erzählt hat? Hmmm? Böser Du!

Was zeigt das? Ein solches Video, so kurz es auch sein mag, erweckt in uns Tech-Nerds kindliche Impulse, darunter den Haben-Will-Impuls, den Quengel-Impuls und den Wie-lang-ists-noch-Impuls. Google trifft damit den Zahn der Zeit, zieht ihn, und setzt ein Implantat mit Google-Aufschrift ein. Project Glass ist cool.

Technisch machbar oder wirklich nur Science Fiction?

Hier streiten sich die Geister. Während Google behauptet, tatsächlich daran zu arbeiten, werden andere Stimmen laut, dass so etwas technisch (noch [lange] ) nicht machbar ist. Wen dieser Aspekt tiefergehend interessiert, der darf gerne hier aussteigen und Google’s Suchmaschine bemühen. Aber das darf auch gern noch ein paar Minuten warten.

Meine persönliche Einschätzung? Wäre das jetzt machbar oder marktreif, dann könnten wir es kaufen. Aber Google wäre nicht Google, wenn es nicht echt was in der Hinterhand hätte. Was mich aber echt davon überzeugt hat, dass das mehr als bloße Hirngespinste sind, das sind die drei führenden Köpfe dahinter:

+ Babak Parviz  + Steve Lee  + Sebastian Thrun

So zumindest mal die offizielle Projektseite auf Google+. Wer die drei nicht kennt, dem geht es wie mir. Aber: Babak Parviz hat eine als Display nutzbare Kontaktlinse entwickelt, Steve Lee ist Erfinder von Google Latitude und Sebastion Thrun verantwortet die selbst-lenkenden Autos. Also: Wenn das jemand schafft, dann die drei. Ob sie es schaffen? Keine Ahnung, aber ich bin sicher, sie versuchen es.

Google’s Social Fiction

Wenn es nach Google geht, dann werden wir bald alle mit Brillen auf der Nase herumlaufen, die uns das Leben massivst erleichtern. Karten buchen? Treffen arrangieren? Sich unterhalten? Alles geht, alles geht sofort, alles geht einfach und easy.

Aber natürlich macht Google das nicht nur aus reiner Liebe zu uns. Wie immer geht es um Profit, und wie immer bei Google geht es um die Generierung von Daten, die werberelevant sind. Während ich den aktuellen Anti-Google-Hype nicht teile, zumindest nicht, bis er in einen Anti-Großfirmen-Monopol-Hype übergeht, bin ich bei dieser Art von Fiction trotzdem irgendwie skeptisch.

Heute Mittag wollte ich kurz darüber mir Arminius reden. Was dabei herauskam war ein mehrstündiges Epic Battle of Life, the Universe and Everything, der dazu geführt hat, dass wir uns erst einmal beide am virtuellen Daumen nuckelnd in unser PC-Zuhause verkrochen haben.

Ich möchte euch (und Arminius) nun meine Sicht der Dinge darlegen. Ich setze dabei ausdrücklich voraus, dass so etwas technisch machbar ist und der Streit zwischen Israel und Günter Grass dem Iran nicht eskaliert.

Zukunftsszenario à la Ypsilon feat. Google

Wir leben im Jahr 20y1. Die Welt ist nicht mehr die, die sie einmal war. Google hat sein historisches Modell “Glass” releast. Nur wenige Wochen später folgten Samsung mit dem “Galaxy Glass”, Facebook in Kooperation mit Microsoft bringt “Skype Specs” auf den Markt, Twitter überrascht nur wenig mit “SpectaTwit” und das wiedererstarkte MySpace mit “MyEyeGlasses”. Was niemand gedacht hätte: In einem Joint Venture, der GSC (Glass Specs Co.), treiben alle in Kooperation das Betriebssystem Glassdroid voran. Nur Apple beteiligt sich nicht und hat mit iSbectol ein ähnliches, nur schöneres Produkt auf den Markt.

Die Welt ist euphorisiert: Keiner braucht mehr Hausroboter oder ähnlichen Schnickschnack, die Brille ist Freund und Verbindung zu Freunden zugleich. Die Werbung, die bisweilen an Hauswänden eingeblendet wird stört kaum, ebensowenig die Video-Ads, die statt Zebrastreifen auf den Straßen laufen.

5 Jahre später: Der Hype um die Brillen ist noch lange nicht verebbt. Wir haben den Sprung auf Glassdroid 7.3 geschafft, inzwischen haben 75% aller Bundesbürger ein Modell, nur noch 65% ein PC und das Smartphone weist mit 11% kaum noch Verkäufe auf.

Die Bundesregierung hat ihre anfänglichen Zweifel zur Seite gelegt und auch der Bundesgerichtshof ist längst überzeugt. Die Ruule-App hat es den Bundestaglern angetan: Live zur Rede laufen Skripte mit, Hintergrundinformationen und – sensationell – Zeichen wann gebuht oder geklatscht werden soll.

Nur noch ein Jahr später. 20y6: 95% Verbreitung sind in den meisten europäischen Ländern keine Seltenheit mehr und Huaweis IndiaEye hat Indien überrollt, ZTE’s Visiion ist in China bei fast 100% der Oberschicht vertreten. In manchen Ländern macht sich aber Opposition breit: Verhaftungen haben zugenommen, die Vorratsdatenspeicherung wurde durch vollen Zugriff der Behörden auf die Glassdroid-Server obsolet. Das Recht hat Einzug in die Privatsphäre genommen, Rasterfahnung ist so präzise wie noch nie. Die Sache hat keinen Haken. Das Rechtssystem ist perfekt und gerecht. Zumindest in den Augen derer, die ihre Brille noch tragen dürfen.

Was soll das denn bitte?

Ich weiß, ich weiß, Arminius wird mich hierfür entweder erwürgen oder vierteilen. Wahrscheinlich sogar beides. Wie kann man nur so paranoid sein? Es ist doch nur ein Gadget! Privatsphäre ist doch veraltet! Und in Deutschland würde so ein Ding eh nie zugelassen.

Das kann alles sein. Aber es kann auch anders kommen. Ich bin der festen Überzeugung, dass der Zusammenbruch des Kapitalismus unaufhaltsam näherrückt. Es geht schon lange nicht mehr um das ob, sondern nur noch um das wann und das wie. Mit dem Kapitalismus werden Staaten gehen. Und mal ehrlich: Wann konnte das letzte Mal ein Kind sagen “Opa, ich werde in dem Deutschen Staat sterben, in dem du geboren wurdest!”? Ich weiß es nicht, aber es ist ein bisschen her (oder noch nie passiert?). Die Bundesrepublik ist seit 60 Jahren relativ stabil, aber ob das auch für die nächsten 60 Jahre gilt, das weiß keiner.

Und mal ehrlich: Project Glass wirkt so ultra-cool, wenn die Bürger es wollen, werden sie es bekommen. Gesetze können mit einer Latenz von 5 Jahren an den Volkeswillen angepasst und direkte Demokratie kann das noch beschleunigen.

Noch ein Tipp für Google: Fragt mal den elektrischen Reporter , was der so vorschlägt. September 2012 hat er bei Uebermorgen.TV eine Vision veröffentlicht, bei der jeder sein Leben durchgehend live ins Netz streamt. Auch nett, oder?

“Liefert ihn ein!” – “Nein, ihr seid doch schizophren hier!”

Vielleicht  bin ich da zu paranoid, vielleicht dreh ich durch, ja. Es gibt schließlich auch andere Meinungen , auch Arminius zählt eher zur Gegenseite. Aber es macht mir einfach Angst, wie leichtfertig inzwischen mit privaten Daten umgegangen wird. Ich kann nicht auf der einen Seite Vorratsdatenspeicherung ablehnen und auf der anderen Seite meine Daten Facebook, Google oder Apple schenken, die sie dann einfach an den Staat weitergeben. Das ist schizophren!

Die geben die Daten doch gar nicht weiter!?  Denkste ! In den Apple AGB steht sogar ausdrücklich drin, dass sie mit den Daten machen dürfen und auch machen was sie wollen.

Ich will hier nicht den Teufel an die Wand malen, aber besser vorher gewarnt als hinterher in der Scheiße gesessen (und nein, ich begebe mich dabei nicht auf ARD/NDR/RTL-Niveau !). Aber ein Szenario wie es Google malt gibt einfach viele Punkte her, die die Privatsphäre gefährden, Pauschal-Verurteilungen erleichtern und so weiter und so fort.

Wer noch einen ordentlichen Input zum Thema Privatsphäre in der Zukunft haben will, der sollte auf einen Post-Privacy-Spacken-Blog gehen dieses Interview lesen, das Frank Rieger mit dem Autor Daniel Suarez vor etwa einem Jahr geführt hat. Worum es darin geht? Lest es einfach mal selbst.

Ein Kernpunkt: In der Zukunft wird sich die Macht über Daten vor allem auf einige wenige Konzerne beschränken. Genau das, was ich erstens kommen sehe, sollte so ein Produkt marktreif werden, und zweitens bereits kritsiert habe.

Oder wollt ihr, dass Google euch im Schlafzimmer filmt, während ihr gerade eure Hose auszieht? Oder dabei, wie ihr übelst an der Waschmaschine failt, weil das sonst immer Mama macht? Oder dabei, wie ihr mit Rosa-Glücksbärchi-Schwimmern baden geht? Nein? Eben!

Was lachbares zum Schluss

Auch gut:

( via )

7 Comments

Filed under Meinungsmache

7 Responses to Project Glass: Warum mir diese Zukunftsvision Angst bereitet – Ein Kommentar

  1. Ich glaube übrigens nicht das Jahrtausendalte Menschen-Naturelle, Gebilde und Geschichte mit unseren Menschenrechten den Bach runter gehen, nur weil Google Brillen verkauft.

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