Die Selbstentlarvung von SPON

Moderne læsekredse på cafeen © by angermann

Gestern Abend las ich munter meine feedly-feeds. Da kam mir dieser Artikel von SPON unter. Ich hab einmal kurz geblinzelt, mich gekniffen, den Bildschirm aus und wieder ein geschaltet, aber alles hat nichts geholfen: Er war immer noch da. Der Artikel “Tagesvorschau für Freitag” ist Realität.

Nun mag es viele Leute nicht überraschen, dass eine große Deutsche Online-Tageszeitung jeden Abend einen Artikel veröffentlicht, in dem es darum geht, was denn am nächsten Tag so passiert. Nicht weniger viele Leute mögen das für ganz und gar unbedenklich halten. Ich stimme dem nicht zu. Und zwar überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich halte es für sehr gefährlich, bedenklich sowie selbstentlarvend. Und zwar aus folgenden Gründen:

1) Lenkung von Interesse und Relevanz

Wenn ein meinungsbildendes und oft als “Leitmedium” bezeichnetes Online-Ressort eines bekannten und renommierten Magazins bereits heute weiß, was morgen passiert, hat das zur Folge, dass sich unbedarfte Leser, die sich, sei es aus Zeitmangel oder wegen Unwissenheit, nur punktuell informieren, der Meinung sind, bereits für den nächsten Tag auf ganz bestimmte Artikel einschießen. Sie interessieren sich für das, worauf sie Appetit bekommen. Relevant am nächsten Tag ist für sie nur noch, was vorher auch in der Tagesvorschau stand. Logisch: Wäre etwas anderes interessant, hätte es drin gestanden.

So lenkt SPON da Interesse seiner Leser auf ganz bestimmte Artikel und wertet damit nicht, wie üblich, die Relevanz von Information, sondern teilt knallhart ein: Relevant vs. Irrelevant. Nicht: Leitartikel – Artikel – Meldungen – Kurzmeldungen. Nein: Lesen oder nicht lesen.

2) Schaffung eines irrealen Mikrokosmos

Wenn das Interesse der Leser erst einmal auf ein Thema gelenkt wurde, kann ich es am nächsten Tag ausschlachten. Die tatsächliche Relevanz und Wichtigkeit ist dabei nebensächlich. Es geht erst einmal um die Relevanz des Artikels in Bezug auf die Gegebenheiten, die man selbst künstlich erzeugt hat. Man schafft sich seinen eigenen Mikrokosmos, in der Interesse, Relevanz und Erfüllung von beidem untrennbar miteinander verbunden sind. Die Anspruchshaltung des Lesers an das Medium nimmt ab bzw. ändert sich und wir landen in einem Zustand, in dem der Spiegel in seinem kleinen Mikrokosmos Wahrheiten schaffen kann.

Wer nicht glaubt, dass diese Wahrheitsschaffung existiert, lege ich alternativlos 23  ans Herz. Fefe und Frank arbeiten darin den Begriff des “Major Consensus Narrative”, also der “Wikipedia-Tagesschau-Realität” heraus. Kernsatz: Eine Geschichte hat immer 4 Seiten: 1.) Deine eigene. 2.) Die des Erzählers. 3.) Die Wahrheit. 4.) Was wirklich passiert ist.

3) Konstruktion von Geschichten

Ich hole dazu kurz aus: Die US-Wahlen, inklusive der Presidential Debates waren großes Thema auch der deutschen Medien. Tagelang wurde von einem “deutlichen, beinahe uneinholbaren Vorsprungs Obamas” geschwafelt, der aber “irgendwie doch nicht so sicher ist, schon der kleinste Hauch könnte die Verhältnisse ändern”. Und dann, Überraschung, nach der ersten Debatte war er dahin, der Vorsprung, weil Obama doch ach so sehr versagt hat. Ich hab die zwei Mal Debatte gesehen, bevor ich die Pressemeldungen gelesen habe, und ich denke, jeder der sie auch gesehen hat wird mir zustimmen: Obama war zwar blass und defensiv, aber Romney bei weitem nicht so stark, wie er im Nachhinein geredet wurde.

Es ist hier in Phänomen aufgetreten, das ich seit dem mehrmals beobachten konnte. Die “Leitmedien” bauen sich eine Story auf, indem sie erst tagelang von den Konsequenzen eines bestimmen Ausgangs reden und diesen Ausgang dann herbeischreiben. Fakten sind nur noch gut um zum gewünschten Schluss zu kommen.

Beispiel: Morgen wird man über Seehofers Verbindung zur ZDF-Affäre diskutieren und neues erfahren. Und heute dann kamen Artikel über diese Angelegenheit, obwohl die Entwicklung kaum voran geschritten ist.

4) Monopolisierung von Information und Meinung

Die deutschen Verlage waren ein Monopol an Meinung und Information gewohnt. Wer Informationen wollte, hat Zeitung gelesen, wer Diskurs wollte, hat sich mit anderen Leser der Zeitung unterhalten. Das Internet hat diese Strukturen aufgebrochen. Indem SPON dem Leser eine Erwartungshaltung einpflanzt und sie dann auch bedient nimmt er ihm das Bedürfnis zu mehr und tieferer Information. Diese Idee schlägt sich auch im Leistungsschutzrecht nieder: Eine verteilte Lagerung von Information, zentral erreichbar, aber durch mehrere Plattformen vorangetrieben, scheint den Verlagen nicht zu gefallen. Sie wollen Stammleser mit Stammmeinungen. Diskurs hat in ihren (bereits in der Vorschau verlinkten) Foren statt zu finden.

Das ist traurig, das ist selbstentlarvend, das ist schwach. Aber viel schlimmer: Das ist häufig.

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