Die Leiden des jungen Ypsilon: Ich bin ein Krüppel

Galaxy Nexus_025 © by TAKA@P.P.R.S

Ich gebe es hiermit offiziell zu: Ich bin, so wie ich geboren wurde, ein Krüppel. Einer, der nicht allein überleben kann, der nicht in der Lage ist, eigenständig zu denken oder zu leben. Um lebensfähig zu sein benötige ich etwas, was meinem Körper per se fehlt: Mein Smartphone.

Zum zweiten Mal in einem halben Jahr ist dieses nun zerstört. Das erste Mal durch einen Sturz, dieses Mal durch eine Verkettung von wirklich, wirklich unglücklichen Zuständen (Murphy!). Und weil ich ein armer Student bin, kann ich mir auf die schnelle kein neues leisten, jedenfalls nicht, bis ich definitiv sicher weiß dass ich das alte nicht reparieren kann.

Eine Gegenüberstellung zwischen Wunsch und Wirklichkeit:

9 : 00 Uhr

Wunsch: Ich werde wach. Genau 3 Sekunden nachdem ich die Gewissheit erlangt habe, dass ich nicht wieder einschlafen kann, nehme ich mein Smartphone unter dem Kopfkissen hervor. Ich überprüfe gewissenhaft SMS, WhatsApp, GMail, GReader, GNews (in dieser Reihenfolge).

Wenn etwas meine Aufmerksamkeit zu dieser wertvollen Tageszeit verdient hat lese ich es, wenn nicht scrolle ich nur mit halb geöffneten Augen durch die Listen von Feeds, Blogs und News. Ich starte gut informiert über den Tag. Sollte sich auf der anderen Seite des Ozeans dreisterweise etwas außerhalb meiner Wachphase ereignet haben: Jetzt weiß ich es.

Wirklichkeit:  Ich werde wach. Genau 3 Sekunden nachdem ich die Gewissheit erlangt habe, dass ich nicht wieder einschlafen kann, beginne ich, mein Smartphone unter dem Kopfkissen zu suchen. Erst nachdem ich mehrere Sekunden jeden Quadratmillimeter abgetastet habe realisiere ich, dass es dort nicht ist. Die Suche wird also fortgesetzt. Erst das Bett, dann der Nachtschrank, schließlich Couch, Boden, Heizung und Fensterbank.

Erst danach werde ich realisieren, dass es auf dem Schreibtisch liegt. Auseinandergebaut. Unbenutzbar. Ich werde mich an den Abend zuvor erinnern und Murphy verfluchen. Einfach nur weil er immer recht hat. Dann werde ich aufstehen. Müde und kaputt, weil mein Hirn keine Möglichkeit hatte, sich aufzuwärmen. Und schlimmer: Ich bin uninformiert. Uninformiert und dumm.

9:20 Uhr

Wunsch: Ich sitze am Frühstückstisch. Ohne wirklich genau darauf zu achten schaufele ich Cornflakes in mich herein. Blogpost für Blogpost arbeite ich meinen Google Reader ab, danach News für News die Google News, dann Artikel für Artikel die großen Online-Ausgaben der Tageszeitungen. Wenn ich lange frühstücke, wird Google Currents konsultiert, frühstücke ich sehr lange, lese ich die famosen Taktikanalysen von spielverlagerung.de und versuche sie zu verstehen.

Wirklichkeit: Cornflakes und Zeitung. Zeitung, dieses hässliche Stück Recycling-Müll, das weder echte Neuigkeiten erhält, noch gute Einordnung. Jeden Morgen könnte ich auf die lieblosen Halbwissensartikel meine Cornflakes erbrechen, aber dann müsste ich noch mehr davon essen und noch länger dort sitzen – eine schreckliche Vorstellung.

Zwischen 10:00 und 14:00 Uhr

Wunsch: Egal was ich tue, egal wo ich bin, wenn irgendetwas wichtiges passiert in der Welt, ich werde davon erfahren. Nicht, weil ich sekündlich (oder gar stündlich) auf mein Smartphone schaue. Das muss ich nicht, denn alles was wichtig ist wird ein leichtes Vibrieren in der Hosentasche auslösen und mich darauf aufmerksam machen. Ich kann alle Arbeiten mit voller Konzentration verrichten weil ich weiß, dass ich nichts verpassen kann.

Wirklichkeit: Etwa einmal alle 10 Minuten fasse ich an meine rechte Hosentasche. Ich kann es immer noch nicht glauben. Kein Smartphone. Ich bin nur über SMS erreichbar. Kein WhatsApp, kein Skype, kein Trillian. Wer mich erreichen will muss 9 Cent investieren. Und wer tut das schon (außer meine Freundin)?

Von 14:00 bis 20:00 Uhr

Wunsch: High-Noon in der Blogosphäre. Ich lese mit, ich diskutiere mit, ich nehme teil.

Wirklichkeit: Nothing. Pure Langeweile. Wenn kein PC in der Nähe ist bin ich ein Komapatient.

Der Abend

Wunsch: Endlich, wieder im WLAN. Dringend müssen Apps geupdatet werden und die Currents-Versionen der Tageszeitungen geladen werden. Es hat sich nicht viel getan in der Welt, aber ich habe das Gefühl, dass, wäre etwas passiert, ich sofort davon gewusst hätte. Ich klicke mich munter durch meine Stammforen: Hier ein Klick, da ein Post. Die Welt ist in Ordnung.

Wirklichkeit: Endlich, wieder zu Hause. Ich stürze an meinen Laptop und werde von der Unzahl der Blogartikel (> 100) geradezu erschlagen. Dazu News, Zeitungen, Foren. Wie soll ich da nur hinterherkommen? Hektisch blättere ich durch, was nicht sofort meine Aufmerksamkeit erregt wird weggeklickt.

Am Ende steht überall “No new items”, aber irgendwie habe ich das Gefühl, doch etwas verpasst zu haben. Diskussionen konnte ich nur lesen, nicht teilnehmen. Newsstränge nur nachlesen, nicht miterleben. Diese Nachrichten waren so weit weg.

Nach 1 Uhr

Wunsch: Ich liege im Bett und kann noch einmal die späten Artikel durchlesen. Vielleicht mache ich ein Tutorial-Epub auf, vielleicht irgend ein anderes Buch, vielleicht lese ich sogar eins aus Papier. In jedem Falle werde ich beruhigt und gut gelaunt einschlafen.

Wirklichkeit: Fernsehen. Ich habe keine Lust auf Bücher, weil sie mir nach dem analogen Tag zu wenig digital sind. Ich habe keine Lust auf das Tablet, weil mir die Hand davon weh tut. Ich will den Laptop nicht im Bett haben, weil er zu warm wird, und gleichzeitig will ich nicht auf die Couch, weil ich zu müde bin. Ich muss wohl oder übel damit leben: harte, deutsche Fernsehkost. Ich werde schnell einschlafen. Aber ein Gedanke wird mich die ganze Nacht verfolgen: Morgen ist ein neuer Tag. Aber er verläuft exakt genauso nicht-online, nicht-live und nicht-angenehm wie der letzte. Fuck!

Prolog

 Natürlich ist es nicht ganz so schlimm. Es ist in Wahrheit noch viel schlimmer. Ich bin ein Krüppel. Und zwar noch so lange, bis ich wieder ein Smartphone habe. Bis dahin werde ich die bekannten Seiten nach guten Mittelklasse-Schnäppchen mit aktiver Community durchforsten. Aber ich werde nicht fündig werden. Denn: Noch gibt es Hoffnung auf eine Reparatur. Diese Hoffnung hält mich am Leben und verlängert das Elend nur noch.

Disclaimer: #firstworldproblems

 

2 Comments

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2 Responses to Die Leiden des jungen Ypsilon: Ich bin ein Krüppel

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