Was gesagt werden muss – Ein Kommentar

Grass
Günther Grass ist Schriftsteller, schreibt Prosa und Lyrik, er ist Literatur-Nobelpreisträger, was ihm Ruhm eingebracht hat, und war in der Waffen-SS, was ihn wieder und wieder ins Gespräch bringt.

Heute hat er ein Gedicht in der Süddeutschen Zeitung verfasst. Was gesagt werden muss  nennt er es. Und Grass hat recht. Vielleicht muss nicht das gesagt werden, was er sagt, denn Meinung darf es geben, aber gesprochen werden muss über dieses Thema: Der womöglich bevorstehende Atomkrieg zwischen Isral und dem Iran.

Jeder Deutsche sollte seine Meinung dazu sagen und sagen dürfen, vielleicht sogar sagen müssen. Ein Kommentar zu Grass’ Gedicht.

Zu faul zum lesen? Oder gerade keine Zeit?

Das geht nicht. Das Gedicht ist weder lang, noch schwer, noch gereimt, noch sonst irgendwas was das Lesen verhindern sollte. Die (idealerweise mehrfache) Lektüre des Gedichts ist unabdingbare Voraussetzung für die Lektüre dieses Kommentars. Wer dazu gerade keine Zeit hat soll lieber das Gedicht lesen als den Kommentar.

Eins nach dem anderen

Ich gehe langsam vor. Schritt für Schritt. Schritt 1: Was kritisiert Grass?

Was nach der ersten Lektüre feststeht: Grass kritisiert hier in vorgeblicher Lyrik unausgesprochen den Staat Isral aufgrund seiner unverhohlenen atomaren Drohgebärden gegenüber dem Iran. Er kritisiert außerdem zu Beginn zwei Dinge:

  1. Die Behandlung menschlichen Lebens als “Fußnoten” in einem “Planspiel”
  2. Die Behandlung des iranischen Volks als Feind

Man kann von Grass halten was man will, man kann von dem Gedicht halten was man will. Die beiden “Unterkritikpunkte” sind nicht wegzureden. Ein etwaiger atomarer Schlag hätte Folgen für die Gesellschaft der gesamten Welt, und die werden zumindest öffentlich kaum bedacht. Ich und Grass unterstellen außerdem, dass sie in den Planspielen Israels und, machen wir uns nichts vor, der USA, ebenfalls nur eine untergeordnete bis gar keine Rolle spielen. Die Folgen für das Volk der Iraner wäre dabei bei weitem schlimmer. Denn: Ein atomarer Schlag hätte weitreichende Folgen für die umlebende Bevölkerung, vor allem also für die Iraner, aber auch für Iraker, Türken, Turkmenen, Afghanen, Iraker und vielleicht sogar für die Saudis. Dass Israel das Wohl einer Bevölkerung, die von ihren Herrschern systematisch unterjocht wird, überhaupt nicht (wieder nur eine Unterstellung, jedoch wahrscheinlich gut belegbar) beachtet ist zu kritisieren.

Résumé: Grass erste beiden Unterkritikpunkte kann selbst ein Broder oder Springer nicht widersprechen. Wenn überhaupt, dann kann man ihre Belegbarkeit angreifen, aber die Kernaussage, dass Handeln ohne Beachtung der beiden Punkte zu kritisieren ist steht und fällt nicht.

Nächster Vorwurf

Grass kritisiert, dass der Iran Atomwaffen besitzt und spricht damit etwas an, was man definitiv als logischen Konflikt in allen Pro-Israel-Kommentaren betrachten muss.

Er lautet: Warum darf Israel Atomwaffen besitzen, der Iran aber nicht? Mögliche Antworten: Weil Israel bedroht wird. Zutreffend. Aber: Der Iran könnte doch in Zukunft auch mal bedroht werden. Vielleicht: Weil Israel die Atomwaffen niemals zum Erstschlag einsetzen würde? Auch nicht. Genau das wollen sie ja bald tun.

Letzter Versuch: Weil der Staat Israel illegal gegründet wurde und die israelische Regierung illegal ihr Land erweitert? Könnte man so sehen. Kein Kommentar zur Auslegung der Frage meinerseits, aber stellen darf man sie.

Grass kritisiert weiterhin, dass Israel sich nicht von der IAEE kontrollieren lässt. Im Gegensatz zu zum Beispiel dem Iran. Auch diese Kritik ist berechtigt.

Warum schlagen aber dann alle auf den alten Mann ein?

Weil der alte Mann etwas tut, was man nicht tut. Er, der er doch selbst aktiv am dritten Reich beteiligt war, greift Israel an. Er begeht sogar den Frevel sich mit dem israelischen Volk verbunden zu fühlen und trotzdem Kritik zu üben.

Noch schlimmer: Er möchte nicht, dass Deutschland Waffen für einen atomaren Krieg liefert, schon gar nicht für diesen (so lese ich das Gedicht zumindest).

Grass greift die Nibelungentreue der Deutschen gegenüber den Juden an. Das wird in beinahe allen politischen Kreisen als Antisemitismus aufgefasst. Mal zurecht, mal zu Unrecht. Aber kann man jetzt Grass Antisemitismus vorwerfen?

Erst einmal möchte ich seinen Streitpunkt beleuchten. Darf ein deutscher Staat Waffen an Israel liefern? Ich denke: Nein. Niemals. Deutschland darf, auch, aber nicht ausschließlich aufgrund seiner historischen Verantwortung keine Waffen an andere Länder liefern. Nicht an Saudi-Arabien, nicht an Libyen und nicht an Israel. Wer den israelischen Aufbau fördern will (ich will das nicht!), der soll dann eben andere Hilfe schicken, aber auf gar keinen Fall eine Art Hilfe, die das Potenzial bietet, Menschen zu töten.

Kann man Grass Antisemitismus vorwerfen?

Ich denke nein. Viele Dinge kann man an seinem Gedicht kritisieren, viele schlecht finden, ich selbst werde gleich nochwas dazu anführen.

Aber ein Antisemit, ein Judenhasser, das ist Grass damit nicht. Antisemitismus ist nicht mit Kritik am Staat Israel gleichzusetzen. Nur weil ein Staat, den ich nicht gut finde, aus Juden besteht, muss ich diesen Staat nicht gut finden. Ich kann doch auch Deutschland kritisieren, ohne als Christenhasser zu gelten und Kritik an Saudi-Arabien üben, ohne gleich etwas gegen Moslems zu haben.

Das Vorgehen Israels überhaupt

Was macht Israel genau? Es droht und spielt Planspiele. Was macht der Iran? Er droht und spiel wahrscheinlich auch Planspiele. Von wem ging die Aggression aus? In diesem Jahrtausend vom Iran und der Matschbirne an seiner Spitze.

Und im letzten? Schwerer zu beantworten. These: Darf sich der Iran nicht genauso mit den Palästinensern verbunden fühlen, wie sich Deutschland mit den Juden verbunden fühlt. Oder anders: Muss ich ein Volk erst vergasen bevor ich ihm beistehen darf?

Ich denke nein. Der Iran darf den Palästinensern beistehen. Man kann die Vertreibung der Palästinenser als Unrecht sehen und gegen sie vorgehen. Aber Israel darf sich auch wehren. Die Frage ist immer nur: Wie?

Was nicht passieren darf: Der Wille und das Wohl von Millionen von Menschen darf nicht in den Hintergrund gerückt werden. Es ist sicherzustellen, dass ein atomarer Schlag verhindert wird. Und zwar in alle Richtungen und aus allen Richtungen.

Der Iran wird bluten, wenn sich die Welt gegen einen Angriff stellt. Die UN, die NATO, Deutschland, die USA, und wer auch immer beteiligt ist sollte sich vielmehr daran machen, Russland und China von einer Sanktionierung von Angriffsplänen zu überzeugen, als Israel in seiner militärischen Sanktionierung zu unterstützen.

Ein Vorab-Fazit?

Kann und will ich nicht geben. Fest steht: Der Iran möchte Atomwaffen haben (Unterstellung, aber belegbar), Länder wie Pakistan haben sie bereits. Wir müssen in einen Dialog mit allen Ländern kommen, wir müssen die Demokratisierung voran treiben, dann können wir Atomschläge und -kriege ohne selbige verhindern.

Ein Vorwurf an Israel

Wo war der Mossad als das iranische Volk gegen seine Anführer aufstand und protestierte? Haben die Planspiele gespielt oder was?

Die Chance war da, im Iran ein stabiles, demokratisches Regime aufzubauen.

Ihr habts verkackt!

Ein Vorwurf an Grass

Warum Lyrik, Herr Grass? Der Text ergibt doch auch als Prosa Sinn!

Ich weiß warum. Leider. Grass versucht, sich hinter seiner Kunst zu verstecken. Sein Vorwurf zum Beispiel, Israel könnte das iranische Volk auslöschen, ist so nicht mehr angreifbar. Das könnte als Stilmittel der Übertreibung durchgehen.

Durch die Lyrik werden alle Aussagen schwammig, alle Vorwürfe könnten anders gemeint sein als sie da stehen. Klar, so versucht Grass sich aus der Schussbahn der Antisemiten-Rufer zu nehmen.

Aber: Hätte Grass nur Kunst machen wollen, hätte er das nicht zeitgleich in drei internationalen Zeitungen veröffentlicht. Grass will mit seinem Gedicht Politik machen. Prosa wäre hier bei weitem angebrachter gewesen als Lyrik, Herr Grass. Wer eine Meinung hat, der sollte die ausdrücken. Und wer eine so klare Meinung hat wie sie, der sollte die auch klar ausdrücken.

Und jetzt?

Abwarten. Ob Grass als Antisemit abgestempelt wird oder nicht ist mir persönlich schnuppe. Angriffe von Seiten eines Henryk M. Broder wird er gerade noch wegstecken können.

Interessant finde ich jetzt, wie die Pro-Israel-Fraktion gleich aus den Löchern gekrochen kommt. Von Seiten der Springer-Presse (vor allem der Welt) gibts Artikel en masse, wie der verlinkte von Broder.

Sogar Israel selbst hat über einen Gesandten reagiert:

Was auch gesagt werden muss ist, dass Israel der einzige Staat auf der Welt ist, dessen Existenzrecht öffentlich angezweifelt wird. So war es schon am Tag seiner Gründung, und so ist es auch heute noch.

Wir wollen in Frieden mit unseren Nachbarn in der Region leben. Und wir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.

Merke: Israel ist es entweder a) müde oder hat b) aufgegeben auf die Legalität seines Staates zu pochen.

Und: Man kann ja vieles da rein lesen. Aber Vergangenheitsbewältigung im Sinne von “Wenn Israel jetzt Iraner tötet, dann können wir doch mal vergessen, was die Deutschen getan haben” ist in Grass’ Gedicht definitiv nicht zu lesen.

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